Ludwig Wolf (4.12.1867 Hamburg–9.3.1955 Hamburg)
Leopold Wolf (6.6.1869 Hamburg–16.6.1926 Hamburg)
James Wolf (2.12.1870 Hamburg–3.1.1943 Ghetto Theresienstadt/Tschechien)
James Iwan Wolf (14.4.1893 Hamburg–6.6.1981 San Diego/USA)
Donat Wolf (30.11.1902 Hamburg-31.7.1984 Meran/Italien)
Die Gebrüder Wolf, auf die das populäre Hamburg-Lied "An de Eck steiht´n Jung mit´n Tüdelband" zurückgeht, kamen als Ludwig, Leopold und James Isaac in der Hansestadt zur Welt. Die Söhne eines Schlachters gründeten dort 1895 das „Wolf-Trio“. Der Initiator war Ludwig, ein gelernter Graveur, der eine Ausbildung zum Opernsänger aus finanziellen Gründen hatte abbrechen müssen und danach als Sänger von Gassenhauern in einer Rummelplatzbude auftrat. Ludwig war auch der künstlerische Kopf des Terzetts, das mit stetig wachsendem Erfolg sein Publikum mit parodistischen Couplets, komischen Szenen und witzigen Plaudereien begeisterte. Leopold, der eine kaufmännische Lehre absolviert hatte, übernahm das Management der Gruppe und sorgte dafür, dass der künstlerische auch zu einem wirtschaftlichen Erfolg wurde. Den Ensemblenamen „Wolf“ hatten die Brüder gewählt, um angesichts des latenten Antisemitismus ihre jüdische Abstammung zu kaschieren. Die „Gesangshumoristen“, als die sie sich selbst bezeichneten, wurden schnell über Hamburgs Grenzen hinaus bekannt. Tourneen führten das Trio in andere deutsche Städte sowie nach Skandinavien, in die Niederlande und die Schweiz.
1906 verließ James die Gruppe, um einen Zeitungsladen zu übernehmen. Ludwig und Leopold machten zunächst als „Wolf-Duo“, dann als „Gebrüder Wolf“ weiter. Sie änderten ihr Konzept und ihre Bühnenpräsenz und traten nun als „Tetje“ und „Fietje“ in der Kluft Hamburger Hafenarbeiter auf. Plattdeutsch spielte von da an eine immer wichtigere Rolle im Repertoire ihrer Lieder und Sketche. Couplets wie "Un de Moler mit den Pinsel ohne Hoor", "Snuten und Poten", "Dat Paddelboot" wurden zusammen mit hochdeutschen Titeln wie "Hannes, zuckersüßer Hannes" oder "Mariechen, Du süßes Viehchen" zu Gassenhauern. Der endgültige Durchbruch kam 1911 mit der Revue "Rund um die Alster". Im selben Jahr schrieb Ludwig Wolf das Lied „En echt Hamborger Jung“, das heute nach seiner zweiten Strophe unter dem Titel „An de Eck steiht´n Jung mit´n Tüdelband“ das bekannteste der Wolf-Lieder ist. Während des Ersten Weltkriegs waren viele ihrer Darbietungen von einem – damals nicht nur in Deutschland verbreiteten – Hurra-Patriotismus geprägt.
Die Brüder erkannten früh die Chancen der multimedialen Verwertung. Sie vermarkteten ihre Couplets als gedruckte Textblätter, nahmen bereits vor dem ersten Weltkrieg und vor allem in den zwanziger Jahren zahlreiche Schallplatten auf und wirkten 1912 und 1913 in Filmen mit. Der Erfolg ermöglichte Leopold im Laufe der Jahre den Kauf eines Varietés und eines Operettentheaters an der Reeperbahn. 1924 ließen die Wolf-Brüder den Familiennamen 'Isaac' standesamtlich gegen 'Wolf' austauschen, mit dem sie schon zuvor im Hamburger Adressbuch eingetragen waren. 1926 erlag Leopold einem Herzanfall. Sein Sohn James Iwan, von Beruf Schreibmaschinenmechaniker, trat an seine Stelle.
Nachdem die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, wurde Ludwig Wolf und seinem Neffen die Arbeit wegen ihrer jüdischen Herkunft zunehmend durch Bühnenverbote erschwert. Bei einer Veranstaltung der jüdischen Künstlergruppe im Dezember 1937 in Hamburg sollen die Gebrüder Wolf ihren letzten Auftritt gehabt haben. Ihre Lieder wurden indes wegen ihrer Popularität zu „deutschem Liedgut“ erklärt, die sie selbst aber nicht mehr vortragen durften. James Iwan Wolf wurde 1938 im Verlauf des Novemberpogroms im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert und kurz vor Weihnachten wieder entlassen. Im Juni 1939 verließen er und sein Bruder Donat Deutschland per Schiff und gelangten nach Shanghai, wo sich James Iwan als Schreibmaschinenmechaniker und Donat als kaufmännischer Angestellter und Lehrer für Deutsch und Englisch durchschlugen. Beide traten zudem mit beträchtlichem Erfolg als Gebrüder Wolf in Theatern und Cafés auf. Von 1941 bis zum Kriegsende stand Shanghai unter der Besatzung des mit Deutschland verbündeten Japans, was für jüdische Emigranten eine ständige Bedrohung darstellte. Als sich 1947 die Übernahme Shanghais durch die Kommunisten abzeichnete, verließen James Iwan und Donat Wolf mit ihren Angehörigen die Stadt. Beide Familien emigrierten in die USA, die James Iwan und seine Familie allerdings erst 1949 nach Zwischenstationen in Europa erreichten. In New York, wo sie zwischenzeitlich lebten, hatten James Iwan und Donat noch einige Auftritte als Gebrüder Wolf.
James Iwans Onkel James Wolf, der das Wolf-Trio mitbegründet und 1906 verlassen hatte, wurde 1942 gemeinsam mit seiner Frau Pauline ins Ghetto Theresienstadt verschleppt, wo er am 3.1. 1943 zu Tode kam.
Ludwig Wolf musste 1943 mit seiner Familie in ein „Judenhaus“ umziehen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand er noch einige Male in Hamburg auf der Bühne. Zudem gehörte er zu den Neugründern der Internationalen Artistenloge, die er 1901 mit ins Leben gerufen hatte und deren Ehrenpräsident er bis zu seinem Tod im März 1955 war.
Zitat
An de Eck steiht ’n Jung mit ’n Tüddelband. / In de anner Hand ’n Bodderbrood mit Kees. / Wenn he blots nich mit de Been in ’n Tüddel kümmt. / Un dor liggt he ok all lang op de Nees. / Un he rasselt mit ’n Dassel op ’n Kantsteen. / Un he bitt sick ganz geheurig op de Tung. / As he opsteiht, seggt he: Hett nich weeh doon, / is ’n Klacks för so ’n Hamborger Jung.
– Gebrüder Wolf:
Werke (in Auswahl)
- Un de Moler mit den Pinsel ohne Hoor
- De kugelrunde Deern
- Snuten un Poten
- Holsteener Buurn
- En echt Hamborger Jung
- Dat Paddelboot